Die Tierhaltung der Zukunft
Klimaveränderungen, Ökonomie und Tierwohl verändern die Nutztierhaltung.

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Jun 29, 2026
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Über 300 Gäste kamen beim vierten Growth Alliance Networking Summit – GANS 26 –zusammen, um über konkrete Lösungen für die Herausforderungen in der Land- und Ernährungswirtschaft zu diskutieren.
Im ersten Schwerpunktthema widmeten sich Experten und Speaker einem Sektor, der momentan aus verschiedenen Gründen unter Druck steht: Klimaveränderungen, Ökonomie und Tierwohl verändern die Nutztierhaltung. Doch wie kann sie in Zukunft so gestaltet werden, dass gesellschaftliche Anforderungen, Umweltbelange und wirtschaftliche Bedürfnisse in Einklang gebracht werden? Und welche Innovationen könnten dabei helfen?
Keynote von Prof. Dr. Peter Kunzmann: Innovationen für die Nutztierhaltung
Wird es irgendwann eine Welt ohne Fleischverzehr geben? Sind Fleischesser in Zukunft Exoten? Mit solchen Vorhersagen tut sich Prof. Dr. Peter Kunzmann von der tierärztlichen Hochschule Hannover schwer. „Ich möchte die Möglichkeit nutzen, zu zeigen, was vielleicht passieren kann“, sagt der Experte zu Beginn seiner Keynote. Dabei hat er verschiedene Szenarien im Kopf. Ein Ende des Konsums von Fleischprodukten in zehn bis 20 Jahren hält er für unwahrscheinlich. Wird vielleicht in anderen Ländern weiter produziert, aber nicht mehr hierzulande? Auch hier zeigt er sich skeptisch. Für gut möglich hält er dagegen eine Art Aufspaltung: Manche möchten vielleicht gerne Fleisch essen, für andere ist es undenkbar. Dabei beobachtet der Wissenschaftler eine Asymmetrie in der Diskussion: „Die, die es wirklich ablehnen, Tiere für Nahrungszwecke zu nutzen, können es nicht einfach tolerieren, wenn es doch geschieht.“ Fleischesser hingegen berühre es nicht so sehr, wenn jemand lieber auf die Produkte verzichte.
Was er ebenfalls wahrnimmt, sei eine „alte Geschichte“ mit echten Auswirkungen: Die Wünsche der Gesellschaft nach mehr Tierwohl und verbesserten Haltungsbedingungen zeigten sich oft nicht in ihrem Konsumverhalten – sprich: was gefordert wird, wird nicht bezahlt. „Diese ‚Gap‘ ist für die Fleischbranche enorm groß“, bringt er es auf den Punkt und erklärt weiter: „Sie müssen bedenken, wenn es um Tiere geht, haben wir hierzulande 80 Millionen Experten.“ Manchen würde es reichen, dass es Nutztieren nicht schlecht geht. Andere möchten, dass es ihnen besser geht und wieder andere möchten, dass sich Rind, Schwein und Co. toll fühlen.
Ersteres sei die Baseline, die unbedingt erfüllt werden müsse. Alles weitere bringe unweigerlich die Frage mit: Wer bezahlt es? Es müssen moderne und innovative Lösungen für die Nahrungsmittelproduktion gefunden werden, die das Klima schützen und ein Mehr an Tierwohl ermöglichen, wandte sich Kunzmann an seine Zuhörerschaft und die anwesenden Start-ups. Precision farming, Tierzüchtung und Tiergesundheit nannte er als Schlüsselwörter.
Startup-Insight mit Johannes Schmidt-Mosig
Auf dem Acker gehören Satelliten und Drohnen bereits selbstverständlich zum Werkzeugkasten eines Landwirts dazu. „Doch im Stall sieht es ganz anders aus“, erklärte Johannes Schmidt-Mosig den Zuhörern zu Beginn seines Vortrags. Hier habe sich in den letzten Jahrzehnten nicht viel verändert. Sein Start-up „VetVise“ möchte genau dies ändernund hat den „BarnBuddy“ entwickelt, der Landwirten einen digitalen 24/7-Überblick und eine Analyse des Stalls bietet.
Auch der Veterinär sieht Herausforderungen auf die Landwirtschaft zukommen. Wetterextreme sind das neue Normal, ganz besonders in Europa, betont er. „Im Stall hat man eine Sommer- und Wintereinstellung für die Belüftung. Man hat aber keine Verrückter-Sommer-Einstellung“, sagt er und spielt damit auf die außergewöhnlich wechselhaften Wetterbedingungen der letzten Jahre an, die Landwirte immer wieder vor Herausforderungen stellen. „Daran sind wir einfach noch nicht gewöhnt.“ Das Finden geeigneter Mitarbeiter sei neben überbordender Bürokratie ein weiteres Problem. „Wir müssen herausfinden, wie wir die Stallarbeit innovativ und modern machen können, um auch den Job attraktiver zu machen“, so Schmidt-Mosig.
„Wir haben für diese Probleme einen guten Stabilisator: Technologie“, erklärte er und nannte drei Zukunftsfelder: Moderne Abläufe nutzen die Tiere als Sensoren und richten die Erfüllung ihrer Bedürfnisse an diesen Daten aus. Es brauche außerdem eine Übersicht für den Stall, die alle Informationen von Medikation bis Ventilation zusammenfasst. Und schließlich ein effizienteres Arbeiten, wo sich Landwirte mithilfe der Daten auf die Lösung von Problemen konzentrieren können und ihre Zeit effizient nutzen.
Panel: Tierhaltung weiterentwickeln
Der Frage, wie Technologie die tägliche Realität in deutschen Ställen transformieren kann, stellten sich im anschließenden Paneltalk gemeinsam mit Johannes Schmidt-Mosig Landwirt Stefan Teepker, Dr. Maren Proell-Cornelissen (Bundesverband Rind und Schwein) und Daniel Holling (Big Dutchman). Moderator Friedrich Bardua wandte sich zunächst an den niedersächsischen Landwirt und wollte von ihm wissen, wie schwierig es ist, neue Technologie wie von VetVise in den Betriebsablauf zu integrieren. „Es ist ein langer Weg, neue Technologie einzubringen. Mir ist wichtig, auf meine Mitarbeiter zu schauen, diese zu trainieren und auf diesen Weg mitzunehmen“, erklärte er. Es sei außerdem ein neuer Weg, zu denken – für jeden im Team. Und natürlich müsse die Infrastruktur dies auch ermöglichen, beispielsweise die Internetverbindung am Standort. Sein Tag beginnt heute mit dem Blick auf das Handy und VetVise – das System helfe ihm dabei, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.
Was bedeutet Produktivität?
Produktivität steht heutzutage für mehr als möglichst hohe Leistungen. Im Panel wurde deutlich, dass zunehmend auch Tierwohl, Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeit in die Bewertung einfließen. „Die Definition wurde multi-dimensional“, sagte Dr. Maren Proell-Cornelissen. Es gebe heutzutage so viel mehr Know-how und Wissen, was die Tierhaltung und auch den Blick auf Produktivität beeinflusse. Daniel Holling richtete hierbei auch den Blick auf die Fütterung. „Fütterung nach Bedarf könnte unsere Effizienz ebenfalls erhöhen“, ist er sich sicher.
Kann man der Technologie vertrauen?
Doch wenn man neue Technologie als Unterstützung im Stall nutzt, vertraut man dieser dann zu 100 %? „In manchen Bereichen schon“, berichtet Stefan Teepker, „zum Beispiel bei der Frage, ist es zu warm oder zu kalt?“ Auch bei einer geplatzten Wasserleitung informiere ihn das System umgehend. Farm-Manager, VetVise und Tierarzt seien für ihn die beste Kombination, um sich bestmöglich um die Tiere zu kümmern. Doch wie steht es um Vertrauen in den Datenschutz? Laut Johannes Schmidt-Mosig sei dies ein „einfacher“ Punkt. „Alle Daten, die wir rund ums Tier erfassen, werden auf einem Server auf dem Hof gespeichert und analysiert. Wir arbeiten sozusagen Hardware-based“, erklärt der Experte.
Dr. Maren Proell-Cornelissen sieht auch mit Blick auf die Tierzüchtung Potenziale in Sachen Künstliche Intelligenz. „Wir haben ein gutes Tierzüchtungssystem und machen hier bereits gute Arbeit, auch ohne KI“, erklärt sie den Zuhörern. „Aber wir können unsere Ideen, die wir ohne KI hatten, nun mit dieser betrachten und auswerten“, zeigt sie den Nutzen neuer Technologien auf. Mit Blick auf den Hof halte sie es für wichtig, dass Landwirte ihre Daten und damit auch ihre ohnehin schon hohen Tierwohlstandards schützen.
Fördert Regulierung den Fortschritt…?
…oder bremst sie ihn aus? Bei dieser Frage muss Landwirt Stefan Teepker kurz nachdenken. „Ich denke, es hängt vom Landwirt ab. Was machst du mit deinen Optionen und findest du einen Weg, neue Technologien auf den Hof zu bringen? Wir werden von Veränderungen angetrieben.“ So investierte er darin, seine Datenerfassung automatisch einzurichten und damit viel Zeit zu sparen. Andere Landwirte würden 50 % ihrer Zeit mit Papierkram verbringen. „Ich denke, mehr Leute sollten einfach damit anfangen, etwas zu verändern, und nicht nur Fragen zu stellen.“ Ein Gedanke, der viel Zustimmung aus dem Publikum erhielt.
Wie steht es um kleine Betriebe?
„Wie stellen wir sicher, dass kleine landwirtschaftliche Betriebe vom Gebrauch moderner Technologien nicht ausgeschlossen werden?“, fragte Bardua in die Runde. „Es ist keine Technologie für große Betriebe“, stellt Stefan Teepker klar. Künstliche Intelligenz und Kamerasysteme sind aus seiner Sicht für alle Landwirte gemacht, egal wie groß der Betrieb ist. Hier stimmt auch Daniel Holling zu. Durch Pay-by-use-Modelle, die auch viele junge Start-ups nutzen, stehe die Technologie jedem zur Verfügung. „Mit passgenauen Zahlmodellen können wir sicherstellen, dass wir kleine Betriebe nicht verlieren“, ist er sich sicher. Dr. Maren Proell-Cornelissen blickt mit Sorge darauf, dass man aktuell sehr wohl kleine Betriebe verliere – die nicht mehr mit den Regeln durch Behörden und Gesetzgeber mithalten können. „Wir müssen in Kontakt mit diesen Landwirten bleiben. Und die Informationen, die wir heute hier erhalten, auch an die Politik weitergeben. Erklären, dass es auch kleine Betriebe gibt, die an neuen Technologien interessiert sind und dabei Hilfe brauchen.“
„Kleinere Betriebe möchten eine Arbeitserleichterung haben, große Höfe brauchen einen besseren Überblick“, stellt Johannes Schmidt-Mosig klar und machte damit deutlich, dass jeder Betrieb seine individuelle Lösung finden muss. Für erstere komme beispielsweise ein System in Frage, was wichtige Informationen bündelt und dem Landwirt sagt, was er am Tag zu tun hat. 1000 Schweine zu beobachten und Probleme anzuzeigen, sei dagegen für größere Betriebe wichtig.
Trotz unterschiedlicher Perspektiven herrschte im Panel Einigkeit darüber, dass digitale Werkzeuge und datenbasierte Entscheidungen künftig eine größere Rolle in den Ställen spielen werden und sollten. Offen blieb vor allem die Frage, wie schnell Politik, Wirtschaft und Praxis diesen Wandel gemeinsam gestalten können.
Links zu Videos:
Zwischen Verbraucherwunsch und Realität: Prof. Dr. Peter Kunzmann stellte sich der Frage, wie der Fleischverzehr der Zukunft aussehen könnte.
Augen auf im Stall: Johannes Schmidt-Mosig stellte sein KI- und kamerabasiertes Start-up vor.
Kann man der KI trauen und was bedeutet überhaupt Produktivität? Diese Fragen und mehr stellten sich die Teilnehmer unseres spannenden Panel-Talks.
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